Diese Woche tourt Microsoft-Chef Satya Nadella durch Paris, London und Köln. Er hat dabei eine Aufgabe, die man bei einem Weltkonzern selten sieht: Er muss um das Vertrauen seiner europäischen Kunden werben. Wie die WirtschaftsWoche berichtet (WiWo+, kostenpflichtig), greift Microsoft dafür tief in die Architektur seiner Cloud-Plattform Azure ein.
Der Auslöser hat einen Namen: Karim Khan. Nach den US-Sanktionen gegen den damaligen Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs im Februar 2025 wurde sein Microsoft-Konto gesperrt. Microsoft betont, den Gerichtshof insgesamt nie abgeschaltet zu haben. Dass Khan den Zugriff auf seine Anwendungen verlor, ist unbestritten. Der Gerichtshof zog daraus die Konsequenz und wechselte auf openDesk, eine Open-Source-Arbeitsumgebung des Zentrums für Digitale Souveränität (ZenDiS).
Meine Antwort auf die Frage, ob Sie bei Microsoft bleiben sollten, fällt deutlich aus: Hören Sie auf damit. Und zwar aus zwei Gründen. Einer davon ist Politik. Der andere sitzt täglich an Ihren Schreibtischen.
Ihre Mitarbeiter wollen es sowieso nicht
Ich arbeite seit 30 Jahren in der IT, auch im Support. Nach meiner Erfahrung beschweren sich mindestens vier von fünf Anwendern, die Microsoft-Plattformen oder -Programme nutzen müssen, regelmäßig darüber. Das reicht von „Wo ist diese Funktion versteckt?“ bis zu Programmen, die spürbar träge laufen. Das ist keine Studie, sondern Praxiserfahrung. Sie ist aber über Jahre bemerkenswert konstant.
Wer täglich mit Werkzeugen arbeitet, die ihm im Weg stehen, verliert Zeit und Nerven. Das bezahlt am Ende Ihr Unternehmen. Und wir haben noch gar nicht über Datensouveränität gesprochen.
Was Microsoft verspricht – und was fehlt
Die Ankündigungen aus der WiWo sind technisch beachtlich:
- Azure Local: Dienste laufen auf eigener Infrastruktur des Kunden, auch im getrennten Betrieb ohne Cloud-Verbindung.
- External Key Management: Die Kryptoschlüssel liegen außerhalb des Zugriffs von Microsoft.
- Confidential Computing: Daten bleiben auch während der Verarbeitung im Prozessor verschlüsselt.
- Data Guardian: Kunden können Fernzugriffe von Microsoft-Ingenieuren überwachen.
Der Haken steht laut WiWo im Kleingedruckten. Vieles davon ist noch Vorschau, und zur eigentlichen Frage schwieg Microsoft: zum CLOUD Act und zu Sanktionen. Das hat einen strukturellen Grund. Microsoft ist ein US-Konzern. Solange Ihre Daten in klassischen Public-Cloud-Diensten liegen, greift im Zweifel US-Recht, egal in welchem Land der Server steht. Schon im Juni 2025 räumte der Rechtsdirektor von Microsoft Frankreich vor einem Senatsausschuss ein, dass sich ein Datenabfluss an US-Behörden nicht ausschließen lasse.
Wirksam werden die neuen Werkzeuge deshalb vor allem dort, wo der Kunde Hardware und Schlüssel selbst besitzt und betreibt. Das kostet Geld, Personal und Zeit. Für ein Unternehmen mit 15 Mitarbeitern und Microsoft 365 ändert die Ankündigung nach meiner Einschätzung zunächst nichts.
Es war kein Einzelfall
Der Fall Khan ist kein Ausreißer, sondern ein Muster. Im Juni 2026 wurde der Zugang zu neuen KI-Modellen von Anthropic für Kunden außerhalb der USA vorübergehend gesperrt, im Zuge von US-Exportkontrollen, die inzwischen aufgehoben sind. Der Dienst läuft wieder. Die Lehre bleibt: Wer von einem Anbieter abhängt, dessen Regierung politisch entscheiden kann, hat keinen Schalter in der eigenen Hand.
Wenn Sie Hardware, Schlüssel und Betrieb ohnehin selbst übernehmen müssen, um wirklich geschützt zu sein: Warum dann mit einem Software-Stack, dessen Hersteller dem US-Recht untersteht? Mit offener Software bekommen Sie dieselbe Kontrolle, ohne dass ein Dritter Lizenzen, Roadmap und Preise bestimmt.
Die Alternativen sind längst da
Auch laut WiWo weichen immer mehr europäische Organisationen aus. Schleswig-Holstein hat rund 80 Prozent seiner Verwaltungsarbeitsplätze auf LibreOffice umgestellt. Frankreich entwickelt La Suite, die Niederlande MijnBureau. Nextcloud und die Sovereign-Cloud-Angebote von Schwarz Digits und der Deutschen Telekom verzeichnen anhaltenden Zulauf. Für Unternehmen sieht das in der Praxis so aus:
- Dateien, Kalender, Kontakte: Nextcloud statt OneDrive und SharePoint, mit Servern in Deutschland und voller Rechtekontrolle.
- E-Mail: mailbox.org oder ein eigener Mailcow-Server statt Exchange. Outlook oder Thunderbird funktionieren weiter, über die offenen Standards IMAP, CalDAV und CardDAV.
- Büro-Suite: LibreOffice oder die openDesk-Suite statt Microsoft 365.
- Chat: Mattermost oder Matrix statt Teams.
- Server: Proxmox VE statt Azure-VMs, mit festen Pauschalen statt dynamischer Traffic-Kosten.
„Aber das Feature fehlt“ – das zieht nicht mehr
Früher war das stärkste Argument für Microsoft: „Das kann nur Microsoft.“ Heute lassen sich fehlende Funktionen mit überschaubarem Aufwand ergänzen. Das gelingt auf einer soliden Open-Source-Basis, mit KI-gestützter Entwicklung und sauberer Qualitätskontrolle. Für den DAV Augsburg habe ich zum Beispiel ISSUU durch eine eigene Web-App ersetzt: werbefrei, DSGVO-konform, ohne Abo. Wie solche Stacks mit Docker laufen und aktuell bleiben, habe ich in einem früheren Artikel beschrieben.
So gelingt der Umstieg ohne Chaos
Souveränität muss nicht radikal sein. Ich beginne mit den kritischen Kernfunktionen, also E-Mail und Dateien. Der Rest folgt schrittweise. Neue und alte Umgebung laufen zunächst parallel, die finale Umstellung geschieht am Wochenende, und am Montag wird normal weitergearbeitet. Ehrlicherweise gibt es Ausnahmen: Manche Fachsoftware braucht Windows. Dann gilt Hybrid statt Dogma. Auch Schulung und Umgewöhnung kosten Aufwand. Er ist planbar, und er endet. Die Abhängigkeit nicht.
Fazit: Warten Sie nicht auf den Ernstfall
Nadellas Ankündigungen sind ein Fortschritt, und sie zeigen, wie ernst der Druck aus Europa ist. Ob Europa den Schalter wirklich in die Hand bekommt, entscheidet sich laut WiWo erst in konkreten Verträgen und im Ernstfall. Ich halte es mit meiner alten Überzeugung: Microsoft ist nicht böse – aber die Abhängigkeit ist es. Wer jetzt umsteigt, tut es planbar. Wer wartet, bis jemand den Schalter umlegt, tut es unter Zeitdruck.
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