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Digitalisierung Veröffentlicht am 06.11.2026 • von Axel Jung

IT-Nation statt KI-Nation: Warum digitale Souveränität doch Autarkie heißen muss

Der Digital-Gipfel will Deutschland zur KI-Nation machen und lehnt Autarkie ab. Ich meine: Erst muss Deutschland wieder IT-Nation werden. Bayern und Schleswig-Holstein zeigen, wie es gehen kann.

Anfang November hat Bundeskanzler Friedrich Merz auf dem Digital-Gipfel der Bundesregierung in Berlin ein großes Ziel ausgegeben: Deutschland soll bis 2030 zur KI-Nation werden. Eine KI-Taskforce hat dafür 18 Maßnahmen erarbeitet. Mindestens 55 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen sollen dann KI einsetzen, neun von zehn Bundesbehörden mindestens eine KI-Anwendung produktiv nutzen, die Rechenkapazität soll sich vervierfachen. Das Motto des Gipfels: „safe, sovereign, competitive“. Einen guten Überblick liefert der Bericht von connect professional.

Ich halte das für den zweiten Schritt vor dem ersten. Bevor Deutschland KI-Nation wird, sollte es erst einmal wieder IT-Nation werden.

Und dann fiel auf dem Gipfel noch ein Satz, über den ich seitdem nachdenke. Digitale Souveränität könne „nicht bedeuten, dass wir nach Autarkie streben“, sagte Merz. Doch, Herr Bundeskanzler. Genau das sollte sie bedeuten.

KI auf fremdem Fundament ist Abhängigkeit im Quadrat

KI ist keine eigene Welt. Sie läuft auf Rechenzentren, Netzen, Betriebssystemen, Datenbanken und Identitätssystemen. Wer diese Basis nicht selbst beherrscht, baut die KI-Strategie auf Sand.

Genau dort hakt es. Der Breitbandverband Breko hat es zum Gipfel deutlich gesagt: Ohne leistungsfähige Netze und Rechenzentren in der Fläche bleibt jede KI-Strategie folgenlos. Der Abschied vom Kupfernetz hat noch immer keinen verbindlichen Fahrplan. Und in vielen Verwaltungen, Kliniken, Hochschulen und großen Vereinen ist die IT-Landschaft heute vor allem eines: gemietet. E-Mail, Dateiablage, Videokonferenz, Identitätsverwaltung – alles läuft bei einer Handvoll US-Konzernen.

Setzt man darauf jetzt KI-Dienste derselben Anbieter, entsteht keine Souveränität. Es entsteht eine zweite, noch tiefere Abhängigkeit. Die Daten, die Modelle, die Rechenleistung und die Preisgestaltung liegen dann komplett außerhalb der eigenen Kontrolle.

IT-Nation heißt für mich: Wir können unsere kritischen Systeme selbst betreiben, selbst verstehen und bei Bedarf selbst wechseln. Das ist unspektakulär, kostet Ausbildung und Personal und liefert keine Schlagzeilen. Aber ohne dieses Fundament ist jede KI-Offensive ein Einkaufsprogramm.

Abhängigkeit mit Ansage

Das Bemerkenswerte ist nicht, dass Deutschland abhängig ist. Das wissen alle Beteiligten. Bemerkenswert ist, dass diese Abhängigkeit offen benannt und trotzdem billigend in Kauf genommen wird.

Der Bund bevorzugt in der Praxis weiterhin die großen US-Anbieter. Und weil der Bund Maßstäbe setzt, folgen ihm viele große Organisationen – kommerzielle Konzerne ebenso wie nicht-kommerzielle Großstrukturen wie Verbände, Kirchen oder Hochschulen. Die Begründung ist immer dieselbe: Es ist bequem, es ist etabliert, und angeblich gibt es keine Alternative.

Wie tief das sitzt, zeigt ein Detail aus dem Gipfel-Bericht: Offene Software, für viele Fachleute der Schlüssel zu mehr Unabhängigkeit, taucht im Papier der KI-Taskforce nur am Rande auf. Und eine Bitkom-Umfrage unter 603 Unternehmen bringt das Dilemma auf den Punkt: Fast alle wünschen sich KI aus Deutschland, knapp zwei Drittel wollen dafür aber weder mehr bezahlen noch auf Funktionen verzichten.

Um es klar zu sagen: Microsoft, Google oder Amazon sind nicht böse. Ihre Produkte funktionieren. Aber die Abhängigkeit von ihnen ist es. Ein Rechtsrahmen wie der US-CLOUD Act, eine Preiserhöhung per Lizenzmodell oder eine politische Entscheidung in Washington können über Nacht verändern, was hierzulande möglich ist. Wer das weiß und trotzdem nichts ändert, trifft eine bewusste Entscheidung.

Doch: Souveränität heißt Autarkie

Digitalminister Karsten Wildberger hat ergänzt, Deutschland werde nie vollständig unabhängig sein. Das stimmt, wenn man Autarkie so versteht, dass jeder Chip und jede Zeile Code aus Deutschland kommen muss. So meint das aber niemand ernsthaft.

Autarkie im digitalen Sinn heißt etwas anderes: die Fähigkeit, ohne Erlaubnis Dritter weiterzumachen. Konkret:

  • Betrieb: Die Systeme laufen auf Infrastruktur, die wir selbst oder europäische Anbieter unter europäischem Recht kontrollieren.
  • Quellcode: Die Software ist offen (Open Source). Wenn ein Hersteller aufgibt oder die Preise verdoppelt, kann jemand anderes sie weiterentwickeln.
  • Offene Standards: Daten liegen in offenen Formaten (etwa ODF, IMAP, CalDAV) und lassen sich jederzeit mitnehmen.
  • Kompetenz: Es gibt genug Fachleute im eigenen Haus oder im Land, die diese Systeme verstehen und betreiben.

Genau diese Autarkie ist mit offener Software erreichbar – auf der Ebene, die für Verwaltung und Unternehmen zählt. Wer sie als Ziel von vornherein ausschließt, verhandelt nur noch über die Höhe der Abhängigkeit. Ein Ziel, das man nicht anstrebt, erreicht man garantiert nicht.

Ein Hoffnungsschimmer aus Kiel und München

Fast zeitgleich zum Gipfel kam eine Meldung, die Mut macht. Wie das Linux-Magazin berichtet, haben Bayern und Schleswig-Holstein eine Kooperationsvereinbarung für digitale Souveränität geschlossen. Beide Länder wollen offene, herstellerunabhängige Software und IT-Infrastrukturen gemeinsam weiterentwickeln. Bis zum 31. März 2027 sollen souveräne Alternativen zu proprietärer Arbeitsplatzsoftware bereitstehen.

Die Töne sind deutlich andere als in Berlin. Bayerns Digitalminister Fabian Mehring nennt digitale Souveränität „längst eine Frage staatlicher Handlungsfähigkeit“, warnt vor Vendor-Lock-in (der Bindung an einen einzelnen Hersteller) und vor dem CLOUD Act. Bei Beschaffungen soll Souveränität künftig gleichrangig neben Wirtschaftlichkeit und Funktionalität stehen. Schleswig-Holsteins Digitalminister Dirk Schrödter sieht Open Source als das entscheidende Instrument. Schleswig-Holstein stellt seine Landesverwaltung bereits seit einiger Zeit von Microsoft-Produkten auf offene Software um und bringt damit echte Praxiserfahrung mit. Mehr dazu habe ich in diesem Artikel beschrieben.

Ich hoffe sehr, dass beide Länder das Thema richtig angreifen. Aus vielen Migrationsprojekten weiß ich, woran solche Vorhaben scheitern – und woran nicht:

  • Betrieb vor Beschaffung: Open Source ist kein Produkt, das man kauft und abhakt. Es braucht eigene Betriebsteams, die die Systeme verstehen. Wer das auslagert, tauscht nur den Anbieter.
  • Menschen mitnehmen: Das Münchner LiMux-Projekt ist nicht an der Technik gescheitert, sondern am fehlenden Rückhalt. Schulung, Ansprechpartner und ehrliche Kommunikation sind Pflicht.
  • Schritt für Schritt statt Big Bang: Erst E-Mail und Dateiablage, dann Office, dann Fachverfahren. Mit Parallelbetrieb und klaren Meilensteinen.
  • Gemeinsam statt nebeneinander: Wenn 16 Länder 16 eigene Lösungen bauen, entsteht ein neuer Flickenteppich. Gemeinsam entwickeln und Verbesserungen an die Projekte zurückgeben – das ist der eigentliche Hebel.

Die Frist bis März 2027 ist sportlich. Aber lieber ein ehrgeiziges Ziel mit konkretem Datum als ein unverbindliches Bekenntnis ohne Termin.

Und was heißt das für Ihr Unternehmen?

Sie müssen nicht warten, bis Bund oder Länder fertig sind. Die Prinzipien sind für einen Handwerksbetrieb, eine Kanzlei oder einen Verein dieselben wie für eine Landesverwaltung – nur viel schneller umgesetzt. Sichern Sie zuerst die Kernfunktionen ab, ohne die Ihr Betrieb stillsteht: E-Mail, Dateien, Kalender. Mit Nextcloud und einem eigenen Mailserver bei einem europäischen Hoster arbeiten Sie in Outlook, Thunderbird oder im Windows-Explorer weiter wie gewohnt. Der Unterschied: Die Daten gehören Ihnen, und niemand außer Ihnen entscheidet, ob es morgen noch funktioniert. Warum das immer wichtiger wird, habe ich in diesem Artikel ausführlicher beschrieben.

Fazit: Erst das Fundament, dann der Turm

KI-Nation ist ein schönes Ziel. Aber ein Land, das seine E-Mails, Dateien und Rechenzentren nicht selbst im Griff hat, wird keine souveräne KI-Nation. Es wird ein guter Kunde. Digitale Souveränität darf deshalb sehr wohl Autarkie bedeuten: die Fähigkeit, die eigenen Systeme ohne Erlaubnis Dritter zu betreiben. Bayern und Schleswig-Holstein zeigen, dass dieser Weg auch politisch möglich ist. Jetzt muss er konsequent gegangen werden.

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